Januar 25

Und wieder eine Absage…

Langsam fällt es mir immer schwerer dem Besuch des Postboten mit Freude entgegen zu sehen. Ich habe mich immer sehr gefreut, wenn er Nachrichten wie die Namensänderung, Hormonberichte und Kostenzusagen der Krankenkasse übermittelt hat. Aber was zurzeit immer überbracht wird sind Absagen von Bewerbungen. Ist es denn wirklich so schwer in der heutigen Zeit einen geeigneten Job zu finden?? Was ist mit dem Fachkräftemangel in Deutschland?? Sind meine 4 Berufe und Ausbildungen als Systemadministratorin in Windows und Linuxsystem nicht genug?? Oder bin ich gar überqualifiziert?? Oder wollen die einfach keine Frau mit TS-Hintergrund??

Die Absage heute hat mich echt mal wieder getroffen. Ich habe mich so sehr gefreut mich auf eine Stelle bewerben zu können, die mir praktisch auf den Leb geschnitten war. Aber die Freude verging schon bei dem warten auf das Vorstellungsgespräch,  welches es dann nie gegeben hat. Und dann kommt die Zukunftsangst. Werden wir immer vom Amt leben müssen?? Natürlich habe ich mich auch auf weniger qualifizierte Jobs beworben. Aber selbst eine Zeitarbeitsfirma hat mir in zwischen schriftlich bestätigt, das ich nicht vermittelbar bin. Bin ich mit meinen fast 2×20 Jahren schon zu alt für diesen Arbeitsmarkt?? Auch ein Callcenter wollte sich melden. Das war leider schon vor 2 Monaten. O.k. 1000€ Brutto für einen 40 Stunden Vollzeitjob ist nicht das meiste und wir bräuchten dann auch weiter die Unterstützung vom Amt, aber nicht einmal die nehmen einen. Es ist echt frustrierend.

Schauen wir mal wie es weiter geht und dem Postboten geben wir einfach noch mal eine Chance…
Januar 23

Ein Problem für viele…

Heute habe ich mir mal die Zeit genommen und sehr viele Seiten und Blogs von vielen transidenten Menschen zu lesen. Es war eine sehr rührende Erfahrung für mich, aber auch eine sehr erschreckende Erfahrung. Denn scheinbar ähneln sich unsere Lebenswege doch mehr als ich immer gedacht habe. Ich dachte die ganzen Monate, dass ich irgendwie Pech nach meinem Outing gehabt habe. Aber bei fast allen Seiten, die ich mir heute durch gelesen habe war es so, dass Freunde und Familie sich bei den Leidesgenossinnen und Leidensgenossen abgewandt haben. Scheinbar bin ich da doch in sehr guter Gesellschaft. Ich habe davon gelesen, dass Väter ihre neue Tochter für Tod erklärt haben, dass Eltern ihr Kind verstoßen haben, dass Kinder ihren „Elternteil im Wandel“ nicht mehr sehen wollten. Und bei allen sind viele alte, langjährige Freunde plötzlich verschwunden gewesen.

Ist es also ein Problem unserer Gesellschaft, dass wir so verstoßen werden? Ist die Gesellschaft noch nicht für uns bereit?

Sabine hat in dem Interview von RTL einen sehr schönen Satz gesagt. Sie sagte der Redakteurin: “Eigentlich ändert sich ja nur die Hülle, aber der Mensch und das Wesen bleiben doch gleich“. Und genau so ist es auch. Ich als Mensch bin ja auch gleich geblieben, ich habe zwar manche Dinge aus meiner Rolle als Mann abgelegt, aber wie viele mir bestätigt haben, ist mein Wesen gleich geblieben. Also warum kommt es zu dieser Art des Verstoßens nach dem Outing.

Ein sehr guter ehemaliger Feuerwehrkamerad und geschätzter Freund hat mir am Telefon gesagt: „Du bleibst für mich immer der Guido“. Das hat mich zuerst ein wenig geärgert, aber nach ein paar Gedankenspielen ist mir bewusst geworden, dass er wirklich so ehrlich wie es ein Freund nur sein kann und darf gesagt hat, wie er zurzeit von seiner Seite darüber gedacht hat. Er hat mich aber auch bei unserem letzten Treffen als Mann verabschiedet. Er hat mich also noch nicht so erlebt wie ich heute bin. Das gibt mir dann auch wieder eine große Hoffnung, dass wir dafür noch mal in neue Verhandlungen treten werden.

Auch ein geplanter Besuch bei meinen Schwiegereltern, trotz anfänglicher Skepsis, zeigt mir das Menschen bereit sind sich damit zu beschäftigen und sich damit auseinander zu setzen. Dasselbe Gefühl habe ich bei dem neuerlichen Kontakt zu alten Freunden, Tanten, Onkel und Cousinen, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe.

Es gibt also gute Beispiele für Menschen die sich anpassen können oder dem neuen doch aufgeschlossen gegenüberstehen. Wenn es diese Beispiele gibt, wieso gibt es den auch diese Menschen die keinen kleinen Schritt nach vorne gehen möchten. Wieso sind es auf all diesen Seiten die ich gelesen habe immer wieder hauptsächlich die Eltern die ihre Kinder, welche sich in einer schweren Zeit befinden, fallen lassen und verstoßen. Es ist erschreckend mit welchen unglaublichen Vorwürfen sich manche Eltern sich ihrer Kinder entledigen, damit sie sich ja nicht mit dem Thema beschäftigen müssen oder damit das Ansehen der eigenen Persönlichkeit in der Nachbarschaft keinen Schaden nimmt. Ja, liebe Eltern dieser Kinder, ihr habt Kinder die plötzlich einen neuen Lebensweg gehen müssen um selbst zu Überleben und damit in der Gesellschaft anecken. Sind diese Kinder es deshalb Wert verstoßen zu werden? Haben diese Eltern den keine Gefühle, keinen Verstand und Hirn?? Ich glaube ich werde solch ignorante, weltfremde und degenerierte  Menschen nie verstehen und zum Glück muss ich es auch nicht. So viele schreckliche Geschichten die ich heute gelesen habe, haben mir gezeigt dass ich es noch ganz gut getroffen habe. Denn ich wurde nur verstoßen. Manchmal muss Frau auch in den negativen Dingen die positiven Dinge sehen.

Liebe Leidensgenossinnen, kämpft euch dadurch, denn wenn ihr irgendwann die Traurigkeit aus dem Herzen verbannt habt, dann werdet ihr wissen dass ihr solche Freunde, Eltern oder Geschwister nicht braucht um Glücklich zu sein.

Also „Glück auf“ aus Essen und genug Kraft um es durch zu stehen, denn es lohnt sich das ihr euren Weg geht.
Januar 15

Auf der Zielgraden zum Glück…

Mal wieder sitze ich am PC, schaue den ersten Schneeflocken des Jahres beim fallen zu und schaue innerlich auf mein Leben. Aber im Gegensatz zu dem Wetter, welches schon wieder die Flocken in dicke hässliche Regentropfen verwandelt, ist es bei mir schon lange mit dem Auf und Ab der Gefühle vorbei. Die Epilation hat mir ein großes Stück Freiheit in die Hand gegeben und auch die erstaunlichen Fortschritte mit meiner Stimme geben mir immer mehr Selbstsicherheit. Alle haben immer gesagt, der wichtigste Schritt wird die OP sein. Das ist bestimmt auch ein wichtiger Schritt, aber was die Epi und die Sprachtherapie für das alltägliche Leben gebracht haben ist sicher nicht mit der OP zu vergleichen. Die OP ist für mich wichtig, aber es wird im Alltag nicht erkannt ob ich Operiert bin oder nicht, o.k. außer im Schwimmbad. Aber meine Stimme sowie der nicht mehr vorhandene Bartschatten sind doch ein sehr ausfälliges äußeres Zeichen für Mann oder Frau.

Gestern waren Sabine und ich noch in einem kleinen Lädchen, ähnlich einem Sozialkaufhaus, nur nicht so groß. Dort sind wir auch noch auf eine transsexuelle Frau getroffen. Optisch ein echter „Hingucker“. Super Körper, schön geschminkt… eine super Braut halt. Und dann öffnete sie ihren Mund und die ganze Optik war dahin. Es folgte ein Satz in der tiefsten Männerstimme, die mir je untergekommen ist. Was also nutzen die OP´s, die Schminke und das schöne Outfit, wenn dann ein Brummen folgt, an dem gleich zwei Männer verloren gegangen sind. Innerlich habe ich an diesem Punkt einen dicken Haken gemacht und mir gesagt, damit bist du durch, das kann dir nicht mehr passieren.

Insgesamt bin ich inzwischen mit vielem fertig. Die Stimmbildung ist fast abgeschlossen. Die dunklen Barthaare verabschieden sich. Mein Gesicht und der Rest des Körpers hören auf das Kommando der Hormone und beginnen weibliche Formen anzunehmen, die inzwischen vom Gesicht her auch von unbekannten Menschen im Kaufhaus als weiblich angenommen werden. All diese Dinge habe ich auch nach dem Videodreh von RTL gesehen, als ich mich im Fernsehen und später in der Aufzeichnung der Sendung gesehen habe. Es ist eine Sache immer wieder Bilder von sich zu sehen, aber in dieser Phase der Wandlung meines Körpers war es ein riesen Gewinn für mein Selbstbewusstsein mich in einem Video sehen zu können. Bewegte Bilder bewegen manchmal mehr als die Momentaufnahme eines einzelnen Bildes.

Ich fühle mich durch die Entwicklung der letzten 3-4 Monate meinem Ziel, endlich als Frau akzeptiert zu werden und dadurch auch so leben zu können näher als je zuvor. Ich bin einfach wahnsinnig glücklich und auch ein klein wenig stolz auf mich selber. Aber ohne Sabine an meiner Seite hatte ich das alles wahrscheinlich nie geschafft. Sie ist mein Ruhepol wenn ich stress habe, sie ist meine Kraft wenn ich Kraftlos bin, sie ist mein Antrieb wenn ich antriebslos bin. Sie ist mein „Sechser im Lotto“.

Ja, ich bin da wo ich immer hin wollte und jetzt sind es nur noch ein paar Wegpunkte die bezwungen werden wollen. Ich bin ich und das ist es was ich immer sein werde… Frau Halling.
Januar 7

Der Trubel legt sich…

Langsam legt sich der Trubel nach dem Fernsehbericht und dem Zeitungsartikel. Sabine und ich hätten nicht im Traum mit einem solchen Interesse an unserem Leben gerechnet. Eigentlich hatte ich mich bei der Zeitung gemeldet um auf die Problematik mit der Bartepilation bei Transsexuellen hin zu weisen, dass wir immer so lange um unser Recht kämpfen müssen. Aber scheinbar war es für alle Beteiligten interessanter über Sabines und mein Leben berichten zu dürfen. Es hat uns natürlich mit Stolz erfüllt, dass in zwischen so viele Menschen den Mut unser Leben so zu führen unterstützen und respektieren.

Inzwischen stehen die Telefone wieder still und es wird wieder ruhiger.