Juli 24

Sand in den Augen…

Hormone sind etwas wunderbares, wenn man viele Jahre darauf gewartet hat. Ich spüre wie mein Körper sich beginnt zu verändern. Es zieht und kneift in der Brust, was die körperliche Veränderung eindrucksvoll ankündigt. Aber auch die Stimmung verändert sich. Ich fühle mich wahnsinnig glücklich. Aber immer dann wenn mal wieder bestimmte Situationen passieren oder ich an verschiedene Sachen erinnert werde, dann kommt es mir vor, als wenn mir jemand Sand in die Augen gestreut hätte. Wenn Henning Baum als Mick Brisgau mal wieder in Erinnerungen surft und die nicht erlebte Kindheit seiner Tochter an Hand eines Fotoalben Revue passieren lässt, dann kommt plötzlich diese nichtvorhandene Hand und streut mir was in die Augen. Es bildet sich plötzlich ein Wasserbad der Gefühle in meinen Augen und die herunter fließende Feuchtigkeit zeichnet eine Traurigkeit auf meine Wangen. Wenn ich sonst meine Gefühle immer sehr gut im Griff hatte, wie sollte es auch nach 12 Jahren als Soldat und 13 Jahren in der Feuerwehr auch sein, ist es jetzt als wenn ich überhaupt keinen Einfluss auf die Tränenproduktion in den Augen hätte. Auch gestern Abend als Biene und ich dem Bären im Trickfilm “Jagdfieber” mit Freuden unsere Aufmerksamkeit schenkten, kam es wieder dazu, das mir mein inneres Ich sagte das es sich doch um einen Kinderfilm handelt. Und da war es wieder so weit, bei dem Wort Kinder kam wieder diese blöde Hand und warf mir wieder eine volle Ladung Sand in die Augen. Und Schwupps… da waren sie wieder…. die Tränen. Es ist eine andauernde Berg und Talfahrt der Gefühle, aber ich bin auch glücklich das ich dieses alles erleben darf. Klingt komisch, ist aber so. Im ersten Moment wahnsinnig glücklich, im nächsten sehr traurig und dann wieder wahnsinnig glücklich. Mein Kopf weis, das ich meine Kinder immer wieder sehe. In ein paar Tagen kommt meine große in den Ferien zu uns und meine kleine sehe ich sehr oft über das Internet. Und ich weis das meine Kinder gut Behütet aufwachsen. Ich glaube das ist das wichtigste, das es meinen beiden gut geht. Meine Gefühle werden mir glaube ich noch öfters diese Streiche spielen und mit Sand um sich werfen… Liebe Gefühle, ich werde es so nehmen wie es kommt… Tränen und Glück gehören zusammen, denn wir können ja auch vor Freude weinen und somit sind diese feuchten Zeugen der unterschiedlichen Gefühlslagen gar nicht mehr so schlimm. Es ist sogar so, dass ich es begrüße, das mein  inneres “Ich” die Liebe und alles anderen Gefühle scheinbar schon nach knapp 40 Tagen Hormone so viel besser zeigen kann. Also liebes Gefühlskarussell, zeige was du kannst, den ich werde dadurch lernen und noch besser mein “Inneres” verstehen. Ich musste ja auch erst verstehen wer ich bin und lernen mit diesem Krankheitsbild zu leben, aber auch wenn es komisch klingt, ich freue mich auf all das was ich von mir noch lernen darf. Ich genieße jeden Moment der Veränderung in dem ich mich besser verstehen lerne, auch wenn es ab und zu tränen sind die mir zeigen das diese Veränderungen nicht immer leicht zu nehmen sind. Es ist schön zu wissen, dass die Liebe zu meinen Kindern sich nicht immer nur in einem lachen und einer großen Portion Zuversicht wieder spiegelt. Also liebes Gefühlskarussell…. lass uns noch ne Runde drehen…

Juli 20

Von einem telefonat zum Besuch…

Heute habe ich meine erste Blume von einem sehr lieben Freund und seiner Frau bekommen. Es war der erste Besuch für die Beiden nach meinem Outing. Ich habe mich super wohl gefühlt. Wir haben zusammen erfahren, dass Menschen im eigentlichen immer dieselben bleiben,  auch wenn die Lebenszeit fortgeschritten und sich viele Dinge geändert haben. Bei mir und Biene die vielen Dinge die schon oft in diesem Blog beschrieben wurden und bei meinem Freund und seiner Frau, dass ein super süßer 2 Jahre alter Nachkömmling die Beiden bei ihrem Besuch freudig begleitet hat. Es verändern sich im Leben viele Dinge, aber zum Glück bleibt das Wesen eines Menschen immer gleich.
Rosen für Pam und Biene
Danke für meine erste Rose… und natürlich auch von Biene ein liebes Danke für die zweite …
Juli 15

Die Baumeister der Natur…

Mutter Natur hat der Raupe auf ihrem Weg zum Schmetterling ein wunderbares Werkzeug an die Hand gegeben. Die Raupe kann sich für die Metamorphose zum Schmetterling verpuppen. Welch ein wunderbares Geschenk von Mutter Natur. Keiner muss den hässlichen Übergang sehen. Leider war Mutter Natur mit den Transidenten Menschen nicht so gnädig. Wir können uns leider nicht in einem Cooncon zurück ziehen um dann als akzeptierter Schmetterling, sprich Frau, heraus zu kommen. Viele Hürden, die für außen stehende Menschen nur unbedeutsam erscheinen, machen das Leben nicht unbedingt leichter. Das Glücksgefühl endlich die Hormone, die ich so lange ersehnt habe, bekommen zu dürfen birgt wieder mal einen kleinen Makel. Ich spüre wie sich mein Körper verändert. Das spannen in der Brust zeigt an, das endlich meine eigene Brust wächst. Leider kann ich seit dem die für alle anderen Menschen so wichtigen Äußeren Merkmale der Weiblichkeit nicht mehr tragen. Um einigermaßen äußerlich als Frau akzeptiert zu werden habe ich die ganze Zeit selbsthaltende Brustprothesen getragen. Da diese mit dem Ziehen und Kribbeln in meiner Brust nicht mehr zu vereinbaren sind, verzichte ich auf dieses äußere Merkmal. Dafür schiebt sich jetzt ein Merkmal in den Vordergrund, welches ein Überbleibsel des massiven Einsatzes der Antidepressiva ist. Für alles männlichen Leser, nein es ist kein Bierbauch und für die weiblichen Leserinnen… ich bin auch kein medizinischen Wunder…. also ich bin auch nicht Schwanger. Ich sage immer es ist das Baumaterial welches die Hormone noch brauchen um es an die richtigen Stellen im Körper zu verbringen. Und wer je auf dem Bau gearbeitet hat weiß, das es immer besser ist, wenn das Baumaterial schon vor den Bauleuten da ist. Trotzdem ich ein wahnsinniges Glücksgefühl in meinem Herzen trage ist es dennoch immer noch schwer ich selbst sein zu dürfen. Menschen beurteilen Menschen immer noch nachdem was die Augen zu erst zu Gesicht bekommen und da ist es bei mir zur Zeit leider das Bäuchlein, welches sich als erstes ins Blickfeld schiebt. Natürlich lässt sich alles mit weiter Kleidung kaschieren, aber nicht alles wird von unserem Kopf auch so angenommen. Sabine versichert mir immer das alles soweit gut aussieht. Ich hoffe mein Kopf versteht ihre Worte auch bald. Vielleicht ist es nur Einbildung, aber ich glaube das der Haarwuchs merklich langsamer abläuft. Ich meine das die lästige Bartbehaarung, der ich 2 mal pro Tag immer noch den Kampf ansagen muss, langsamer und nicht mehr so stark wächst. Dennoch hoffe ich, das sobald ich der Krankenkasse (sprich dem MDK) endlich ein Gutachten vorlegen kann, diese endlose Diskussion ob eine Epilation begründet ist oder nicht aufhört. Es ist schon ein starkes Stück, das der MDK (also der Medizinische Dienst der Krankenkassen) in seinen Regel festlegt, das die Epilation bei Trans-Frauen erst nach der geschlechtsangeichenden Operation statt finden darf. Wo bitte steckt da der Sinn. Wer hat diese Richtlinien geschrieben??? Haben die noch nie mit Trans-Frauen gesprochen?? Die äußerlichen Merkmale sollten so schnell als möglich entfernt werden, sonst bin ich bald zwar vor dem Gesetz eine Frau, Körperlich nach der OP auch und muss mich immer noch 2 mal pro Tag rasieren…. Da denke ich nur „Ach was haben die Raupen es gut…“ Aber die haben es auch nur gut, weil sie nicht auf Entscheidungen von Menschen angewiesen sind, die mit der Thematik nicht vertraut sind. Liebe Mutter Natur, wenn du dieses liest, verteile doch bitte einmal Verstand an die richtigen Stellen beim MDK… es wird dort benötigt.
Ich schaue in die Natur und werde also weiter warten…

Juli 11

222 Tage im neuen Leben…

Wie viele unterschiedliche Formen des Glückes ein Mensch erleben darf hängt von seinem oder ihrem Lebensweg ab. Alle Eltern wissen was es für ein Glücksgefühl ist einem neuen Menschen das Leben zu schenken. Die Geburt ist der Auslöser für ein Glücksgefühl, welches ich selbst 2 mal miterleben durfte. Es ist eine Erfahrung im Leben die ich auch nie missen wollte. Auch wenn man etwas großes im Leben erreicht hat kommt wieder ein Glücksgefühl auf, welches sich einfach nicht beschreiben lässt. Aber all diese Gefühle sind ähnlich aber niemals gleich. Jetzt gerade erlebe ich wieder ein Gefühl des Glücklichsein welches sich aber auch wieder von alles anderen Gefühlen unterscheidet. Es ist anders, nicht vergleichbar mit dem Gefühl das eigene Kind nach der Geburt zum ersten Mal in die Arme nehmen zu dürfen, dennoch nicht weniger prickelnd. Oder wenn man mal wieder ein Zertifikat für eine gelungene Ausbildung in der Hand hält. Alle diese Gefühle werden als Glücklichsein beschrieben, sind aber doch so unterschiedlich. Ich bin gerade sehr glücklich. Die Hormone leisten ganze Arbeit. Jeden Tag merke ich wie es mir besser und besser geht. Ich verspüre wie sich mein Körper verändert. Viellicht ist es auch nur Einbildung, aber es tut sich was. Von Euphorie über Heulattaken ist alles dabei. Aber auch wenn ich mal aus heiterem Himmel einfach losheule bin ich doch richtig glücklich. Sabine und ich genießen zur Zeit sehr intensiv jede Minute unseres Lebens. Seit knapp einem Monat habe ich ein Dauergrinsen im Gesicht, den ich spüre jeden Tag die Wirkung der Hormone. Es ist schon erstaunlich was diese kleinen Pillen bewirken. Die Ärzte sagen das eine Transsexuallität nicht geheilt werden kann, sondern nur die Symptome gelindert werden können und ich muss sagen das die Hormone zur Linderung einen sehr guten Job machen. Aber all die Medizin und die Psychologen können die kraftgebene Liebe von Sabine oder meinen Kindern nicht ansatzweise erreichen. Kein Medikament kann die Liebe und den Zuspruch ersetzen. Auch das sich Erwachsene wie Erwachsene verhalten trägt viel zu einem guten Miteinander bei. Ab und zu müssen Menschen einfach mal über ihren Schatten springen und die neuen Geschehnisse im Leben mit offenen Herzen annehmen.

Also mit dem Herz in der Hand auf in die nächsten 222 Tage…